Ich hatt‘ einen Kameraden

Bei den Begräbnissen ehemaliger Soldaten, die noch im Veteranen-Verein waren, spielte immer die Blasmusik am Friedhof diese Melodie, von der ich nie den ganzen Text kannte, die andern wohl auch kaum … und dann gab es lange Zeit noch drei krachende Böller-Schüsse.

Die letzten damaligen Veteranen werden allmählich begraben, und die bleibenden Bundeswehr-Veteranen sind wohl wieder die Kreise der Militär-Gläubigen, wie wir die alten Männer immer erlebt hatten …


FREUNDSCHAFTSGEDICHTE …, Der gute Kamerad, Ludwig Uhland

Feldpostkarte aus dem 1. Weltkrieg

Ich hatt einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen,
Gilt’s mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
Er liegt mir vor den Füßen,
Als wär’s ein Stück von mir.

Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ew’gen Leben
Mein guter Kamerad!


Die Kameradschaft war eine Umschreibung, die genau die Grenze halten sollte, soldatisch zu sein und das Vertrauen zu sichern.

Die späteren Kameradschafts-Treffen unseres Vaters waren seltsame Inszenierungen der Männer-Treue in der Wortwahl und Geschichts-Gestaltung:

In der Zeitschrift des Kameradschafts-Verbandes wurden alle soldatischen Vorschriften weiter eingehalten: Keinerlei Nennung der eigenen Bewaffnung, nur die des Feindes, der dadurch immer schrecklich wirkte, natürlich immer im Unrecht war … als Jugendlicher mit 16-jährigem Gerechtigkeits-Sinn für mich damals schwer erträglich.

Die früheren kindlichen Fragen wie „hast du im Krieg auch Leute umgebracht?“ waren damals natürlich verneint worden, und dann stellte sich über die Jahre heraus, dass da doch massenhaftes Morden war … aber nun nicht mehr ansprechbar, tabuisiert und uns nun als Lüge bekannt.

Erst viele Jahre später gab es eine bleibende Szene, als sich unser Vater mit einem alten „Kriegskameraden“ unterhielt, der gerade zu Besuch vorbei kam, um sich von einem Arztbesuch in der Nähe zu erholen. Sie kannten sich eigentlich kaum, aber „Alte Kameraden“ finden ihre gemeinsamen Schlacht- und Lazarett-Orte, tauschen ihre Verwundungen aus und ihre Einsatzgruppen …

… und so saßen die beiden alten Kameraden im Arbeitszimmer unseres Vaters, seinem Refugium, während ich auf der Terrasse davor die morsch gewordene Terrassentüre ausbesserte, und zum Streichen vorbereitete und damit das lautstarke Gespräch der schwerhörigen gut 70jährigen Soldaten in Bruchstücken mit zu hören hatte:

Wo in Russland sie eingesetzt waren, welche Panzer, Truppenteile, Einsätze, Vormarsch in welchen Gruppen, Verwundungen und Vorgesetzte, Lazarett und Transporte, das vorzeitige Ende des Einsatzes durch die Verwundungen. Dazwischen, nur als „vom Waldrand weggeputzte“ Feinde, ansonsten fast unausgesprochen, die Toten, manchmal ein Kamerad an der Seite, der plötzlich nicht mehr lebte.

Vom Leben als „Kriegskrüppel“ mit Krücken in der bombardierten Stadt München, nun als Opfer, hatte Vater gelegentlich zu erzählen angefangen, aber auch schnell wieder aufgehört, denn nun lebte ich in der Stadt seiner zweiten Jugend, als soldatischer Student war er vom Schreiner zum Berufsschul-Lehrer umgeschult worden.

Ansonsten gab es wenig Erzählungen aus diesen Zeiten, denn SA und BDM waren immer nur kurz benannt und mit Bemerkungen, die wie Ausreden wirkten, abgetan.

Postfaschismus

In den 1950er Jahren wurden die Pläne der Nazis mit kleinen Abwandlungen verwirklicht: Die Häuschen so gebaut, die Volkswagen ausgeliefert, die trotz privater Sparverträge zuerst nur das Heer bekommen hatte, in der Schule prügelten uns die Lehrerinnen und Lehrer, quälte uns der Kaplan mit übel geschriebenen Katechismus-Versen, die er sadistisch an den Schläfen-Haaren drehend abfragte, aus der achten Klasse berichteten die Mitschüler vom prügelnden Lehrer Spahn …

und den ersten Junglehrer erlebte ich 1966 in der 6. Klasse:

Günther Scholze stellte mit uns die vielen Schul-Bänke in Gruppen zusammen, setzte uns in einen Stuhlkreis und sprach uns mit Vornamen an, denn vorher hieß es immer nur:

7 x 8, Letsch!

Er fragte uns auch nach unserer Meinung, eine völlig neue ungewohnte Fragestellung, bis dahin waren wir nur mit Stoff abgefüllt worden, wie das heute in Bayern immer noch üblich scheint.

In der Realschule ging es mit aufgeschlossenen Lehrerinnen zwischen alten Herren und Fräuleins weiter, gleichzeitig kamen die Beatles und das Musical Hair, Berichte von protestierenden Studenten und in unserer Jugendgruppe begann das neue Leben …

Mit einem Tanzkurs endete die Realschule, und zahlreiche mögliche Stellen warteten auf uns, bis sogar noch eine neue Fachoberschule die Chancen erweiterte: Fachabitur!

 

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